Heute habe ich frische Bettwäsche aufgezogen. Wie schnell doch so ein Jahr vergeht. Aber was tut man nicht alles, wenn Mutti zu Besuch kommt. Ich habe deswegen auch extra Handtücher gewaschen. Eigentlich schade. Jetzt habe ich keine Tabletts mehr. Im Grunde spielt das aber keine große Rolle. Neulich hätte ich schwören können, die Kaffeetassen hätten sich allein Richtung Küche bewegt.
Es läuft halt doch alles von selbst, wenn man den Dingen ihre Zeit lässt.
Als Mutti dann da war, wollte sie unbedingt mit mir Unterwäsche kaufen gehen. Sie schlug einen Siebener-Pack vor, bedruckt mit den einzelnen Wochentagen. Ist mal was anderes als meine übliche Zwölferausstattung Januar bis Dezember.
Das Kaffeetrinken danach war auch recht nett. Aber ich habe das Gefühl, die Kellnerin dachte, ich würde scherzen, als ich meinte, ich würde meinen Kaffee schwarz wie meine Füße trinken. Zumindest kicherte sie albern in sich hinein. Gab dann halt kein Trinkgeld.
Zum Schluss kaufte Mutti mir noch ein Deo. ich war dadurch leicht verunsichert. Immerhin sind es noch 23 Tage bis Weihnachten.
Ich wünschte Mutti käme mich öfters besuchen, aber sie faselte etwas von abgelaufenem Impfschutz. ich glaube sie wird langsam paranoid.3. Dezember
Liebes Tagebuch,
Vor ein paar Tagen hat der Weihnachtsmarkt eröffnet. ich dachte, ich schau mir die Sache mal an. Dort lief auch ein Weihnachtsmann herum.
Warum Kindern die Existenz dieses Mannes vorgegaukelt wird, ist mir schon seit Jahren ein Rätsel. zu alledem verschenkte er auch noch Süßigkeiten und das obwohl die Bälger nichts dafür tun müssen. Meinereiner geht schwer arbeiten… zumindest könnte das theoretisch so sein. Insofern war ich empört, als ich nach einer Endlosdiskussion, in der ich mir das recht erkämpfen wollte auch mal in den Sack vom Weihnachtsmann greifen zu dürfen, vom Securitydienst recht bestimmt vom Weihnachtsmarkt verwiesen wurde.
Dies war kein so schöner Tag liebes Tagebuch.
6. Dezember
Liebes Tagebuch,
Ich war gestern ordentlich einen heben.
Als ich heute morgen die Treppe hochwankte, standen bei meinen Nachbarn gefüllte Stiefelchen vor der Tür.
Von Pädagogik haben die wohl auch noch nichts gehört. Die Schuhe waren nicht mal vernünftig geputzt. Hab mich in dem Augenblick an den Weihnachtsmann von neulich erinnert. Sicher haben die Gören da auch schon ordentlich abgesahnt. Außerdem bezweifle ich, dass die kleinen Nervensägen das ganze Jahr über artig waren. Hab die Hälfte des Süßkrams entfernt. ich war also noch recht großzügig.
Somit wurde ich für die himmerlschreiende Ungerechtigkeit vom Weihnachtsmarkt entschädigt und die lieben Kleinen lernen was fürs Leben. So gleicht sich eben doch alles aus.
10. Dezember
Liebes Tagebuch,
Hatte heute ein Blind Date. Geistig war sie scheinbar nicht ganz auf meiner Höhe. Sie wollte wissen, was ich beruflich machen würde. Als ich ihr erklärte, dass ich es für Versklavung durch die Gesellschaft halten würde, wenn ich zum Arbeiten gezwungen werden würde und es überhaupt nicht nötig ist zu arbeiten, wenn der Staat für mich zahlt, warf sie mir “Sozialschmarotzer” an den Kopf. Danach die Cocktailkarte als ich nachhakte, ob sie schon immer Faschist gewesen sei.
Mittlerweile bin ich es leid mein Mitmenschen ständig belehren zu müssen. Aber diese junge Dame ist dermaßen unkompatibel mit mir, dass ich mir nicht sicher bin, ob wir das je hinkriegen werden.
Ich hielt es in dem Augenblick für ratsamer mich zurückzuziehen.
Ich hoffe, sie ist in sich gegangen, als sie unsere Rechnung zahlte und denkt auch über meine Mail nach, die ich ihr vorhingesendet habe. Nicht dass ich sie wirklich wegen tätlichen Angriffs anzeigen würde, aber man kann ja mal darüber nachdenken, sollte ihre Vernunft es nicht zu einer Entschuldigung bringen.
11. Dezember
Liebes Tagebuch,
Frechheit! Sie hat nicht geantwortet, mich dafür aber in der Community auf ihre Ignorierliste gesetzt.
War dann bei der Polizei um den Fall zu schildern.
Statt mich in meinen Rechten ernst zu nehmen, entschuldigte sich der Beamte kurz um etwas zu erledigen. Er kam mit drei Kollegen zurück, die sich scheinbar das Lachen verkniffen.
Sie verfolgten gebannt die Bestandsaufnahme, während einer von ihnen leicht rot angelaufen kurz den Raum verließ. Ich beschwerte mich, dass der Ernst der Lage hier scheinbar nicht zur Kenntnis genommen würde. Sie nickten nur, einer tätschelte mir die Schulter und dann schickten sie mich weg.
Kein Wunder, dass sich Frauen heute alles erlauben können und es so viele Singles wie mich gibt. Ich bin halt viel zu gut für diese Welt.
14. Dezember
Liebes Tagebuch,
Ich bin einfach kein Fan der “Wie-gehts-Mutti?”-Frage.
Hab heute zwei ihrer Schulfreundinnen getroffen. Habe behauptet sie wäre vorige Woche gestorben. Die eine ist in Tränen ausgebrochen. Ich glaube, das war geheuchelt. Selbst schuld. Sie könnte auch einfach öfters mal anrufen. Die andere wusste nicht so recht, was sie sagen sollte und bedauerte mich selbsternannte Halbwaise. Schrecklich. So kurz vor Weihnachten.
Bin gespannt, wie Mutti reagiert, wenn sie die ersten Kordulenzkarten erhält und vor allem wie schnell sich ihr Ableben herumspricht.
17. Dezember
Liebes Tagebuch,
Mutti hat mich heute hysterisch angerufen, was mir einfallen würde solch einen Unsinn zu verbreiten. Drei Tage also. Ging ja fix. Hab mit Fünf gerechnet.
Ich wollte sie beruhigen, indem ich ihr riet sich zu freuen. Endlich melden sich mal alle wieder. Das beklagt sie doch schon seit Jahren.
Hab jetzt ein Piepen im Ohr von ihrem Geschrei. Hab ihr dann vorhin einen Gutschein für ein Antiaggressionstraining organisiert. Nicht nur weil sie es scheinbar bitter nötig hat, bin ich damit zwecks Weihnachtsgeschenk aus dem Schneider.
Fehlt ja nur noch Papa.
19. Dezember
Liebes Tagebuch,
Heute hat Papa angerufen. ich find das langsam anstrengend. Was wollen die beiden ständig von mir?
Und dann solche blöden Fragen. Warum ich immer Mutti den letzten Nerv rauben würde und was sie nur in meiner Erziehung falsch gemacht hätten.
Woher soll ich das wissen?
hab dann die letzten zehn Folgen der Supernanny heruntergeladen und auf CD gebrannt. Ich bin mir sicher, er wird sich über sein Weihnachtsgeschenk freuen.
24. Dezember
Liebes Tagebuch,
Meine Eltern sind immer so schüchtern. Ich finde, sie könnten ihrer Freude über ihre Geschenke mehr Ausdruck verleihen.
So bescheiden sie auch sind, umso weniger Empathie bringen sie auf, wenn sie Geschenke für mich aussuchen. “Knigge-Ratgeber” und “Anleitung für ein geordnetes Leben” Dazu meinten sie noch, dass mir das vielleicht helfen würde, etwas mehr über mein Leben nachzudenken.
Komplett unsensibel rührten sie damit an meiner einsamen Seele. Ja liebes Tagebuch: einsam.
Und das alles nur, weil ich mich für niemanden ändern würde. Meine Schwester meinte ich wäre ein egozentrischer Ignorant. Ich würde es eher als selbstreuer Individualist bezeichnen. Aber es hat schon seine Gründe, warum sie von mir noch nie etwas zu Weihnachten bekommen hat. Sie scheint jedes Jahr wieder darauf zu hoffen.
28. Dezember
Liebes Tagebuch,
Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen.
Hab meinen ehemalig besten Freund angerufen. Er schrie mich am Telefon an, dass ich verdammt mutig sei, mich überhaupt nochmal zu melden.
Er ist also immer noch sauer.
Kann ich immer noch nicht so ganz nachvollziehen. Immerhin habe ich mich komplett selbstlos aufgeopfert um ihm zu beweisen, dass seine Freundin unter starkem Alkoholeinfluss nicht treu bleibt und dann genauso leicht zu haben ist, wie alle anderen billigen Frauen auch.
Anstatt meinenFreundschaftsbeweis als diesen zu würdigen, drohte er mir rohe Gewalt an.
Er war halt schon im Kindesalter cholerisch veranlagt.
31. Dezember
Liebes Tagebuch,
Da mein Kumpel immer noch schmollt, brauche ich dringend eine andere preisgünstige Möglichkeit in das neue Jahr zu feiern.
Denke, ich werde zu meine Schwester gehen. Ich meide zwar ihre Gesellschaft für gewöhnlich, aber ihre Partys sind spitze. Außerdem kostet es mich als ihr Bruder nichts da aufzukreuzen.
Wir lesen uns dann im neuen Jahr liebes Tagebuch.
1. Januar
Meine Schwester schien gar nicht zu wissen, wohin mit ihrer Freude mich zu sehen, wo ich doch sonst nie was von mir hören lasse.
Sie zog mich ständig in eine andere Ecke, wenn ich Gespräche mit ihren Arbeitskollegen anfangen wollte und erst recht mit ihren Freundinnen.
Sie war, was mich betrifft, noch nie so einnehmend. Ein wenig schmeichelte mich ihr Verhalten schon, mich aber bei ihremEx abzuladen, der mit derselben Intention, wie ich gekommen war, fand ich dezent übertrieben.
Zur Strafe erzählte ich allen, die in meiner Nähe standen, wie sie als kleines Kind immer am liebsten nackt umher lief und sich desöfteren auch mal in Einkaufspassagen ihrer Kleidung entledigte. Es dauerte auch nicht lange bis sich eine Menge der Gäste um mich versammelt hatte um meinen Anekdoten zu lauschen.
Ich wurde dann kurz nach Mitternacht gebeten zu gehen. Und sowas nennt sich dann Geschwisterliebe.
Nun ja liebes Tagebuch, es war doch alles in allem ein recht ruhiges Jahr.
Habe heute über gute Vorsätze nachgedacht. Da ich mich so ziemlich selber mag, wäre der einzige, so zu bleiben wie ich bin.
Frohes Neues, liebes Tagebuch!